(UF) Erinnerungsübung Eins

(Die Musik enstand parallel zum Text, eine Art Liednotiz)

Ich erinnere mich. – Jetzt. – Hier. – Wann sonst ? – Wo sonst ? – Wer sonst sollte es ? – Woran nur ? – Und: Wie ? Ich meine: Wie geht das „vonstatten“, das Sich-erinnern?

Ich erinnere mich. Ich erinnere wen woran ? Ich erinnere mich an mich selbst, und an das, was ich erinnere. Ich muss bei dem, was erinnert wird, dabeigewesen sein. Ich erinnere mich an diesen Augenblick, in dem ich mich erinnere, dass ich mich an diesen Augenblick erinnere. – Vorbei. Der Augenblick ist vorbei. Wie, vorbei? Was heißt das, vorbei? Ich bleibe doch. Wer ist Ich?

Oder gehe ich wie durch Räume von Augenblicken, von Raum zu Raum ? Hat das je begonnen ? Wird das je enden ? Wenn es Räume in einem großen Palast sind – sind sie alle schon da, wenn ich den Palast (sagen wir des Menschwerdens) betrete ? Wie groß ist der Palast ? Was geschieht, wenn ich alle seine Räume (durch)erinnert haben werde ? Kommt dann ein Palast, in dem der Palast, dem ich entsteige, nur ein Raum ist ? Ist der Palast nicht eher nur eine bescheidene Behausung ?

Wenn ich in diesem jetzigen Augenblicksraum mich anderer Augenblicke erinnere, ihre Räume innerlich betrete, ohne den Körper „mitzunehmen“, mitnehmen zu können, – es gibt tatsächlich Berichte von Menschen, denen das „irgendwie“ gelungen sein soll bzw. denen eine zumindest nicht genau zu bestimmende Art Bilokation in Erinnerung geblieben ist, – gehe ich dann „die Räume zurück“ bis zu jenem gerade erinnerten Raum oder „vor“ bis zum in der Zukunft noch (zu er)wartenden Augenblick ? Sind die „Augenblicksräume“ auf irgendeine ungeahnte Art miteinander verbunden ? Wie kommt ihr Nacheinander – und worin, in welcher Zeit – zustande ?

An wen erinnert mich diese Art von Betrachtung ? – Ich erinnere diese Art von Betrachtung, mache sie mir zueigen, zunutze, so gut ich kann.

Ich sehe aus dem Fenster auf die Bäume vor dem Haus, auf mächtige Kastanien, gerade jetzt. – Nein, ich sitze vor meinem Schreibgerät. Und doch ist dieser Blick aus Kindertagen auf die mächtigen Kastanien vor dem Haus, den ich gerade memoriere, gleichzeitig präsent: in welchem Raum nur ? Ich sehe ihn jetzt, obwohl er doch vergangen zu sein schien – bis ich ihn eben erinnerte. Was geschieht (mir) da? Ist die Erinnerung wirklich ? Ist das wirklich eine Erinnerung? Was ist Erinnerung? Ist das jetzt, der Blick aus dem Fenster in Kindertagen, nur eine bessere Halluzination? Eine Fata morgana infantilis? Was ist das für ein Sehen, das ich da sehe, während ich „die Umwelt“ um mich herum sehe, der „äußere Blick“ „eingeschaltet“ bleibt ? Die Erinnerung an die Kastanien ist jedenfalls hartnäckig – sie bleibt mir erhalten. Ich sehe mit meinem Sehen, ohne mich selbst zu sehen. Ich sehe. Und ich sehe mich auch sehen. Jetztdamals. Damalsjetzt. Jetzt.

Ich versetze diesen meinen „zweiten“ Blick in die Augenblicksräume „vor mir“: Sie steht vor einem einberufenen National-Tribunal. Irgendwie klein, verformt-verschroben, verkniffen-arrogant. Sie hört nur halb hin bei der nun seit Tagen verlesenen Anklageschrift. Möder, Splien, Posten und Sühler sind aus ihren Besserungszellen „zugeschaltet“. Sie hat sich nichts vorzuwerfen, lässt sie verlautbaren. Sie habe nach bestem Wissen und Gewissen gehandelt. Der dem Tribunal Vorsitzende führt deutlich vernehmbar in kurzen Worten aus, dass diese Art der Herangehensweise hier und nun ausgedient habe. Sie würde sich konfrontieren lassen müssen mit dem unermesslichen Leid ihrer Opfer, auch mit dem verdrängten Leiden derer, die sich nicht für Opfer hielten. Bisher.

Niemand triumphiert im Saal. Die Anwesenden sind ruhig und bleiben aufmerksam in einer Stille präsent. Die vorgetragenen Dinge und „Sachverhalte“ sprechen für sich. Sie bedürfen keiner „rechtlichen Einordnung“. Wer seine Mitmenschen monatelang drangsaliert mit Wahngebilden, seien sie erfunden oder erzeugt, tatsächlich geglaubt oder verlogen aufrechterhalten, wer auf jeglichen korrigierenden Hinweis lediglich mit der „taktischen“ Durchsetzung einer intransparenten Agenda reagiert, der bedarf keiner Verteidigung, der hat sich bereits selbst seines Urteils über sich selbst erinnert. Das Wort „Verteidigung“ hat hier wohl fast jegliche Bedeutung verloren – und hätte hier keinen Sinn. Jeder weiß das im Saal. Und sie selbst weiß es auch. Die „Zugeschalteten“ ohnehin – Schicksalsgefährt*Innen … (Soviel old „correctness“ gestehen wir gern zu.)

Ich erinnere mich: Wir hatten damals, in den Tribunal-Momenten, als Volk die einmalige Möglichkeit, alles, nicht nur das offensichtlich Verbrecherische sondern auch das strukturell Verbrechende, ans Licht zu bringen. Sicher, es war schmerzhaft, es war eine Erzählung unserer eigenen Naivitäten, Bequemlichkeiten, Egoismen, Dummheiten, unser falschen Orientierungen und Ahnungslosigkeiten, unserer Mitverantwortung; nicht nur, das ist klar: Aber doch auch und in erster Linie – und wir konnten es annehmen und uns sagen, dass wir daraus lernen wollen, für die Gegenwart. Für das Jetzt. Für uns und für alles.

Wir erinnerten uns in den guten Momenten gemeinsam an den Traum, den die Besten unseres Volkes – aller Völker – aus ihren Seelen erinnert hatten für unsere Erinnerung an unsere Aufgabe und unser Können in diesen Tagen der Erinnerung an das Eigentliche, das Wesentliche, so wollen wir sie uns selbst nennen – Tage der unabweisbaren Erinnerung an das Wesentliche –, dessen wir so lange verlustig gegangen waren in all dem Wust aus „Notwendigkeiten“, „Anordnungen“, „Evidenzen“ – geben wir es uns ruhig zu: der vergangenen Jahrhunderte und Jahrtausende. Oder können wir uns einer Zeit echten Friedens hier ERINNERN?

Dann erinnerten wir – nach Jahren des Aufräumens, nach einem fulminant-ungeheuerlichen Tabula Rasa für einen Neuanfang, der den Namen verdient – eines Tages den Frieden, der auf Erden noch nicht war. Den wir ersehnt hatten, oft wider „besseres Wissen“ um die sogenannten Realitäten. Oft verzweifelnd, verzagend – ich spreche von mir – , nur um nicht zu verzweifeln und nicht zu verzagen. Ja, endlich, wir erinnerten uns. Und wussten nun endlich, wie recht die Weisen, die Dichter und Komponisten hatten. – Sie hatten leise und unermüdlich davon gekündet. Gegen allen Anschein ausharrend in unsichtbarer Wahrheit. –

Und was dann möglich wurde, das könnt ihr euch ja vorstellen. – Was dann möglich wurde – und Realität – daran könnt ihr euch ja selbst erinnern. Mit dem Lächeln, das uns keiner nehmen kann: dem Lächeln des sich erinnernden, sich an sich selbst und an der Schöpfung erfreuenden Menschen.

(Uli Fischer am 11.06.5781 / 2021)