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Mozarts Requiem

Nachfolgend ein Text von Nicolaus Harnoncourt, gefunden auf der Wikipedia-Seite zu Mozarts Requiem. Ich stimme der Einschätzung zu, dass Mozart trotz der posthumen Vervollständigung der Partitur vollständig erkennbar ist und bleibt und das Werk als Einheit wahrgenommen werden kann und auch sollte.

 

MOZART Requiem (Totenmesse) 1791

In seinem Sterbejahr 1791 hat Mozart ein Auftragswerk für Graf Franz von Walsegg-Stuppach komponiert: eine Totenmesse.

Leider hat er es nicht vollenden können, weil er am 5. Dez.1791 [mit 35] gestorben ist. Aber einige seiner Schüler haben sich darum bemüht, (vor allem Franz Xaver Süßmayr) damit die Witwe Constanze nichts zurückzahlen musste, denn der Graf hat einiges vorausbezahlt. (Er wollte es als sein eigenes Werk ausgeben) So ein Requiem besteht sehr oft aus den Messteilen, aber es fehlt das Gloria, weil Jubel unpassend wäre. Dafür gibt es ein mittelalterliches Gedicht „Dies irae“ (Thomas Celano) das von einem jüngsten Gericht spricht; eine Sehnsucht aller Menschen, dass es eine ausgleichende Gerechtigkeit geben möge.

Der Erfolg: nicht nur Mozart selbst hat versucht vom anonymen Auftraggeber möglichst viel Geld für seine Arbeit zu lukrieren, auch seine Frau Constanze war geschäftstüchtig mit diesem Werk und auch die Nachwelt hat wegen der Mythenbildung: (alles ziemlich geheimnisvoll und noch immer nicht ganz geklärt!) Gewinne erzielt.

Requiem-Sätze wurden bereits 1968 in der Filmmusik zu „Teorema – Geometrie der Liebe“ von Pier Paolo Pasolini benutzt, später bei „Eyes Wide Shut“, „The Big Lebowski“, „Der König der Löwen“, „Die Unglaublichen – The Incredibles“, „Elizabeth“, „Revolver“ und natürlich in „Amadeus

Das Werk:

Introitus (Einleitung): Requiem aeternam

Kyrie (Herr erbarme dich) Doppelfuge

Sequenz: Dies irae, (Tag des Gerichts)

Tuba mirum, (Posaune und Bass)

Rex tremendae

Recordare

Confutatis

Lacrimosa (ab Takt 9 von Süßmayr)

Offertorium: 1. Domine Jesu + Fuge:Quam olim Abrahae,

2. Hostias mit Fugenwiederholung

Sanctus von Süßmayr

Benedictus von Süßmayr

Agnus Dei von Süßmayr

Communio: Lux aeterna [das ewige Licht] (wie Introitus, nur anderer Text)

Auch in neuerer Zeit gibt es zahlreiche Versuche das Werk besser oder anders zu vervollständigen, zum Teil mit anderen Mozart Kompositionen, z.T. durch Verbesserungen der Sätze von Süßmayr.

Für google freaks: Woran ist Mozart gestorben? Wurde er vergiftet? Hatte Süßmayr einen guten Ruf bei Mozart? Warum hat Constanze das Requiem mehrmals verkauft? Wo wurde Mozart begraben? Wurde er in einem Josephinischen Gemeindesarg (Klappsarg) zum Friedhof gebracht? Hat derselbe Joseph II. wirklich Lebkuchen verboten? Warum? Welche Reformen gab es zu dieser Zeit noch? Wieviele Kinder hatte Mozart? Wieviele überlebten? Wer (seiner Kinder) war auch Komponist? Welche Spiele waren Mozarts Favorits?

Requiem ist immer auch Trost für die noch Lebenden. Im Zusammenhang mit dem Sterben sind Angst, Trauer, Wut, Resignation, aber auch Zuversicht, Vertrauen häufige Gefühle. Welche Gefühle hast du bei dir während der Hörbeispiele (wo?) entdeckt?

Gedanken und Eindrücke zum „Requiem“

Mozarts einziges Werk mit autobiographischem Bezug- von Nikolaus Harnoncourt:

Ich möchte jetzt keine analytischen oder musikwissenschaftlichen Studien zu diesem Werk machen, sondern Eindrücke wiedergeben, die mich beim Erarbeiten von Mozarts „Requiem“, für einige Aufführungen und für diese Aufnahme, als Musiker unmittelbar berührten. Zunächst empfand ich – trotz der fragmentarischen Überlieferung und trotz der vielfach so hart kritisierten Ergänzung durch Mozarts Schüler Süßmayr das Zusammenhängende, den großen Wurf des Ganzen, die Architektur des Gesamtwerks bei weitem zwingender als jemals früher: Die ergänzten Teile kann ich musikalisch keineswegs als Fremdkörper sehen, sie sind im Wesen mozartisch. Es ist für mich völlig abwegig und unmöglich, zu glauben, ein inferiorer Komponist wie Süßmayr, dessen Kompositionen niemals über ein banales Mittelmaß hinausreichen, hätte aus eigenem f das Lacrimosa vollenden und dieses Sanctus, Benedictus und Agnus Dei komponieren können. Selbst eine von den anderen Teilen ausstrahlende Inspiration, die Süßmayr gleichsam beflügelt hätte, kann mir die Herkunft dieser Musik nicht glaubhaft machen. Für mich sind diese Sätze eben auch von Mozart, sei es, dass Süßmayr entsprechendes Skizzenmaterial zur Verfügung hatte, sei es, dass ihm diese Kompositionen im Laufe der Zusammenarbeit von Mozart eindringlich vorgespielt worden waren. Auch die deutliche qualitative Diskrepanz zwischen der Komposition und der Süßmayrschen Instrumentation dieser Sätze bestärkt mich in meiner Überzeugung.

Wir wissen aus Mozarts Briefen, dass Gedanken an den Tod und gläubige Auseinandersetzung damit für ihn vertraut und selbstverständlich waren. So schreibt er 1787, also mit 31 Jahren, an seinen kranken Vater: „… da er Tod, genau zu nehmen, der wahre Endzweck unseres Lebens ist, so habe ich mich seit ein paar Jahren mit diesem wahren, besten Freunde des Menschen so bekannt gemacht, dass sein Bild nicht allein nichts schreckendes mehr für mich hat, sondern recht viel beruhigendes und tröstendes! und ich danke meinem Gott, dass er mir das Glück gegönnt hat mir die Gelegenheit zu verschaffen, ihn als den Schlüssel zu unserer wahren Glückseligkeit kennen zu lernen. Ich lege mich nie zu Bette ohne zu bedenken, dass ich vielleicht, so jung als ich bin, den andern Tag nicht mehr sehen werde …“

Schon das Todesquartett aus „Idomeneo“, das Mozart zehn Jahre vor dem „Requiem“ geschrieben hatte, wirkt auf mich wie eine erste sehr persönliche Auseinandersetzung mit dem eigenen Tod. Mozart, der sich ja mit Idamante identifizierte, hatte zu dieser Oper, besonders aber zu diesem Quartett, zeit seines Lebens eine ungewöhnlich starke emotionale Beziehung. Es ist überliefert, dass es ihn so sehr zu Tränen rührte, dass er nicht weitersingen konnte, als er es gelegentlich in Wien musizierte, wobei er wohl den Idamante sang.

Ähnliches wird uns über eine Art Probe des „Requiems“ berichtet, bei der kurz vor seinem Tod die bereits fertigen Teile ausprobiert wurden, wobei Mozart beim Lacrimosa in Tränen ausbrach und nicht mehr weiterkonnte.

Das gesamte Werk wirkt auf mich wie ein zutiefst persönliche Auseinandersetzung; erschreckend und erschütternd bei einem Komponisten, der normalerweise sein persönliches Leben und Erleben geradezu auffallend von seiner Kunst trennte. Das instrumentale Vorspiel ist eine Totenklage (Bassetthörner und Fagotte), zu der die Streicher schluchzend weinen. Diese ruhige Trauer wird aufgerissen durch die Forteschläge der Posaunen, Trompeten und Pauken im siebten Takt: Der Tod ist nicht nur ein milder Freund, sondern der Schritt zum gefürchteten Gericht. Hier empfinde ich zum erstenmal, vielleicht wie Mozart selbst, wie der offizielle liturgische Text zu persönlichster aufwühlender Auseinandersetzung wird: Der Tod trifft jeden einmal – aber was wird mit mir! Oder wie nach „luceat eis“ (das Licht soll ihnen ewig leuchten) im Takt 17 bis 20 die inständige allgemeine Bitte in ein beglückendes Trostmotiv mündet, gleichsam: Alles wird gut werden, weil es Erbarmen gibt.

Das Kyrie, die Bitte um das göttliche Erbarmen, steigert sich aus der allgemeinen Fuge in immer persönlichere, geradezu fordernde homophone Rufe: Herr, Du musst mich begnadigen! Besonders stark ist die Gegenüberstellung des Allgemeinen zum Persönlichen in der Sequenz: Das Dies irae malt erbarmungslos die Schrecken des letzten Gerichtstages, die Strenge des Richters („cuncta stricte discussurus!“), das Tuba mirum, die Erweckung der Toten zum Gericht: nichts blieb ungerächt („nil inultum remanebit“) – rührend persönlich darauf die ängstliche Frage: „Was werde ich Armer dann wohl sagen?“

Oder die krasse Gegenüberstellung des gewaltigen Königs im Rex tremendae mit dem Ich, mit mir: „Rette mich, Quell der Gnade“, die im Recordare, einem Satz, der Mozart nach dem Zeugnis Constanzes besonders wichtig war, in ein eindringliches und zutiefst vertrauendes Gebet mündet: „Du hast mich doch durch Dein Leiden erlöst, solche Mühe darf doch nicht vergeblich sein.“ Ich verstehe die besondere, wohl religiös-musikalische Einstellung Mozarts zu diesem Satz, weil er das Persönliche der Beziehung zu Gott so stark hervortreten lässt, die Möglichkeit der liebevollen Milde des vorher als unerbittlich streng geschilderten Richters innig darstellt, dies besonders an zwei Stellen: „Der Du Maria-Magdalena begnadigt hast, lass auch mich hoffen“ (Takt 83-93) und „Lass mich zu deiner Rechten bei den Schafen sein“ (Takt 116 – Ende).

Im Confutatis, das von vornherein die Gegenüberstellung: Alle – Ich beinhaltet, wird die innig persönliche Beziehung zu Gott im letzten Satz „Sei bei mir, wenn ich sterbe!“ sowohl harmonisch, als auch in einer sicher vertrauensvollen musikalischen Textausdeutung hervorgehoben. Hier höre ich Mozart selbst, für sich selbst sprechen, mit aller ihm zu Gebote stehenden bewegenden Eindringlichkeit, wie ein krankes Kind, das vertrauensvoll seine Mutter ansieht, – und die Angst schwindet.

Zu Mozarts unnötiger Verteidigung

Immer wieder mal höre ich, nein, ich vernehme, dass bei Mozart ja alles klar wäre, weil man ihn kenne, wenn man ein paar Sachen von ihm gehört, nein, vernommen hätte. Musiker meinen das. Musiker, die mit seinem Werk intimer vertraut sind als die meisten Hörschaffenden in den Konzertsälen dieser Welt.
Jedes Mal, wenn ich in Reichweite solcher Flachheiten ausharre, nett und freundlich, möchte ich im Innersten kurzerhand den ganzen Mozart einfach aus der Musikgeschichte hinfortnehmen an einen besseren Ort.
Nun, Mozart würde das ganz sicher-vielleicht auch gefallen, denn ob er nun wirklich gern hier gewesen ist unter Nichtseinesgleichen, steht in Frage, so sehr er auch seine Freundlichkeiten und Freundschaften pflegte zu Menschen und solchen, die sich so nannten.
Außer Frage für den Musik wirklich Wahrnehmenden steht die außerordentliche Reinheit, Echtheit, seelische Schönheit und Wahrheit und die fulminante Bandbreite seines Lebenswerkes, welches, jedermann weiß es, in allzu kurzer Zeitspanne seinen Weg aus der Seele Mozarts auf die Notenblätter fand und von dort in die Konzertsäle der ganzen Welt und in das musikalische Gedächtnis einer geistig-seelisch extrem schwerhörigen Menschheit.
Ganz sicher gibt es Momente der Wiederholung von musikalischen Figuren, Phrasen, Abschlüssen, Überleitungen, Grundanlagen (z.B. in seinen Violinen- und Klavierkonzert“reihen“), nicht alles atmet die gleiche Intensität und Tiefe mancher Oper – und es gibt auch ein ganz anderes Moment der Wiederholung, das jedermann auffallen MUSS: die immer wieder hervorbrechende Lebendigkeit, die Zartheit melodischer Figuren, die Verknüpfung von Einfachem und Hochkomplexem, die Urmusikalität überhaupt, die vor Ideen nur so sprudelt und – dies erfordert allerdings auch ein Mozart genügendes eigenes seelisches Gegenüber des Musizierenden und/oder Hörenden – die durchaus unirdische Geistigkeit der mozartschen Musik, die Verheißungskraft(übertragung), die strenge Glückseligkeit, die zuweilen mozartschen Tongebilden entströmt und einen mitreisst, fast so, als könnte und wollte man sich gegen diese beglückende Kraft auch gar nicht wehren.
Mozart macht mich oft glücklich in einem tieferen Sinne, das kann ich wirklich aus eigenem Erleben sagen und zwar auch mit seiner Leichtigkeit, die man nicht mit – auch musikalischer – Naivität verwechseln darf. Mozart war zu keinem Zeitpunkt ein Naiver – wenn auch ein des öfteren ausgelassener und kaum zu bremsender Schwerenöter, der die Diskrepanz zwischen göttlicher Musik und irdischer Dumpfheit und Schwere oft genug irgendwie überleben wollte und musste.
Man muss Mozart nicht verteidigen – Mozart verteidigt sich selbst.
Man muss nicht jeden Tag Mozart hören. Obwohl. Zuweilen schon.
Aber wer ihn nie gehört hätte, wäre auf Erden ganz sicher ärmer, als wir es ohnehin sind auf diesem zerschundenen Planeten, und wir könnten ihn bedauern – jedoch: Wir hören Mozart, und das bedeutet, wir hören nicht nur seine Musik, die aus dem kosmischen Grund der Musik durch uns Hörende hindurch ins Kosmische unseres Lebens im Allleben reicht, sondern wir hören auch ihn selbst, seine Art, die klingende Schöpfung zu betrachten und mit ihr in immer wieder errungener Harmonie voranzuschreiten – wohin ? Dorthin, wohin er uns ganz offenbar vorausgegangen ist.

Luthers Lieder

https://www.arte.tv/de/videos/062265-000-A/luthers-lieder/

Ben Becker führt durch Luthers Musik. Sehens- und hörenswert. Informationsreich.

Im Anschluss an diese Dokumentation zeigte ARTE einen Konzertmitschnitt aus der Liederhalle Stuttgart. Auf dem Programm – eingerahmt von Schumann-Werken – Beethovens Violinenkonzert Opus 61.

An einem Tag, an dem ich an Ferdinand Hilliges denken musste – siehe H.F.Krause „Vom Regenbogen und vom Gesetz der Schöpfung“.