Etty Hillesum: Das denkende Herz der Baracke

Kurzrezension von Benedikt Maria Trappen

Das denkende Herz der Baracke

 

Individuation und Kundalini-Prozess

Diese außergewöhnlichen wertvollen Aufzeichnungen dokumentieren einen Individuations- oder Kundalini-Prozess, der die davon Ergriffene spontan und „von selbst“, knien, die Hände falten und zu „Gott“ sprechen lässt, einer unverständlichen, unergründlichen geheimnisvollen wirkmächtigen Kraft und Macht, der man sich nur demütig anvertrauen und überlassen kann. Nichts hat diese radikale Spiritualität mit Kirchenfrömmigkeit und Tradition zu tun, was aber nicht heißt, dass es unwesentlich wäre, dass Etty Hillesum Jüdin war. Unerschütterlich hält sie angesichts des Wahnsinns, der Demütigungen, des Terrors und der Vernichtung daran fest, dass das Leben sinnvoll und schön und der Mensch im Grunde gut ist. Diese Erlebnisweise, um die sie immer wieder ringt, entspringt ihrer großen Liebe zu einem bedeutsamen Mann, die ebenso sinnlich wie über-sinnlich, geistig-seelisch ist und den konkreten Mann wie das eigene kleine Ich übersteigt, überwächst und sich zur Liebe zu allen Menschen, zur Welt weitet. Selbst der Irrsinn des Nationalsozialismus erscheint ihr dabei sogar noch verständlich als Stufe und Notwendigkeit der Überwindung des Bösen auf dem Weg zu einer lichteren, heileren Seinsweise, für die sie noch keine Sprache findet. Sicher ist sie sich dabei, dass das Böse nur im eigenen Inneren bekämpft und überwunden werden kann. Und sie weiß, dass das furchtbare Leid nicht die Schuld Gottes ist. Gott wartet darauf, dass wir ihm Raum schaffen in uns, damit er dort durch uns wirken kann. Auch der Tod stellt daher für sie kein Scheitern dar. Sie muss gehen, soweit sie kann, den notwendigen Verwandlungsprozess soweit voranbringen wie möglich, damit andere nach ihr dort weitermachen können und es leichter haben. C.G.Jung, Rilke und viele mehr sind ihr Begleiter auf diesem Weg und Lesen der Weg, die Seele zu nähren und zu stärken. Auch, wenn es auf den ersten Blick nicht so aussieht: Das ist Yoga. Was für ein Wegweiser, was für ein Segen, was für eine Gnade für unsere gefährdete Welt und Zeit.