Archiv für den Monat: April 2016

Brief an eine Künstlerin

Nachfolgend ein Brief von mir an eine österreichische Künstlerin als Reaktion auf einen Vortrag von ihr mit dem Thema „Realismus und Abstraktion in der Malerei“:

Ein Brief in Sachen Realität, Bildrealität und REALITÄT

Im April 2016
Liebe L. K.
ich möchte einen Gedanken aus Ihrem Vortrag gern noch einmal aufgreifen, weil er meiner Meinung nach der entscheidende Gedanke ist für eine wirkliche Durchdringung dessen, was als Kunst gilt und gelten soll – vor der Gegenwart und der zukünftigen Geschichte:
„In der Malerei geht es immer um das eigentlich Nicht-Dargestellte, das Nicht-Sichtbare.“ (So ungefähr lautete Ihr Formulierung.)
Wäre es nicht so, dann wäre Malerei lediglich eine (ziemlich überflüssige) Kopie der Realität. Es mag sein, dass im gewollten Ausnahmefall die Kopie der Realität selbst dem Darstellen des Nicht-Sichtbaren dient. Im Allgemeinen nimmt jedoch auch das gesunde (sogenannte) „durchschnittliche“ Empfinden (nicht-kopierende) Bilder durch ihre Ausstrahlung als Kunst wahr, so sie denn grundlegende Merkmale des Ästhetischen erfüllen oder/ und bewusst brechen. Bilder – dies mag ein Allgemeinplatz sein – sind selbstverständlich keine Kopie der Realität. Nicht einmal in der Fotografie, wie oft genug betont wird von kunstwissenschaftlicher Seite und von Fotografen selbst. Die Bildrealität – das haben Sie hervorgehoben – ist immer eine „eigene Realität“ und nicht das Dargestellte selbst. Was ist dann aber diese „Bildrealität“, wenn sie nicht die „Realität“ ist ?
Ich möchte an dieser Stelle den Begriff REALITÄT verwenden in klarer Abgrenzung zu „Realität“. Denn ganz offensichtlich handelt es sich bei künstlerisch intendierten Bildern um Hinweise auf Reales. Dieses Reale geht aber über den normalerweise gebrauchten Begriff „Realität“ weit hinaus. Die Großschreibung des Begriffes ist mir hier ein Hinweis auf das Verhältnis von Realität und REALITÄT: Letztere ist ganz offensichtlich eine ontologische Größe umfassenderer Art.
Es gab (und gibt) Zeiten, in denen man der Einfachheit halber auch von der metaphysischen Grundlage der Welt gesprochen hat (und spricht). Diese – metaphysische – Welt spiegelt sich also – ob das Künstler nun wollen oder auch ganz und gar nicht wollen – im künstlerischen Tun wider. Dies zu denken und zu behaupten ist in der naturwissenschaftlich verfassten Moderne, Postmoderne und Postpostpostmoderne… aus verschiedenen Gründen – wie in der Mainstream-Philosophie – aus der Mode gekommen oder nur marginal „en vogue“.
Davon abgesehen sind auch Verwendung findendes Material und das konkrete Tun an der Leinwand metaphysisch gegründet und schlichtweg unmöglich als reine „Realität“ als Maler sind wir mit unserem ganzem Wesen gefordert und in handwerklicher (physischer) Sicht.
Ein Mitstudent im Studiengang hat mich auf sein Selbstverständnis des Wortes Kunst / Künstler hingewiesen: die Kunde / der Kündende.
Ich finde so eine „Übersetzung“ würde gut zu Ihrer Auffassung passen, dass es um das Nicht-Sichtbare im Kunstwerk geht, denn dann wäre der Künstler zumindest der Erfahrbarmachende oder der Erinnernde, der von der REALITÄT kündet. Es ist der nicht sichtbareKampf des Künstler – mit sich selbst, mit seiner Umwelt, mit metaphysischen „Dingen“ – die den Mythos des Künstlerdaseins mitbegründen. Manchmal wird er Mitmenschen auch sichtbar, ohne Frage. Im Grunde bleibt er aber den Sinnen verborgen wie der Kampf in jedem Menschen um Wahrheit, Bewusstheit, Wachstum, Selbstüberwindung usw.
Die „Funktion“ des Künstlerischen, die REALITÄT auf ihre ganz besondere, einmalige Weise zu vermitteln, spiegelt sich selbstverständlich in allen Künsten:
In der großen Musik geht es um das (physisch) Nicht-Hörbare.
In der Literatur geht es um das (physisch) Nicht-vollständig-Sagbare.
In der Architektur geht es auch um das (physisch) Nicht-Erbaubare.
etc.
Und gleichzeitig geht es natürlich auch immer um das konkret Sichtbare, das konkret Hörbare, das konkret Sagbare, das konkret Erbaubare und die Verbindung zu den Un-s und das Mit- und Ineinander von Realität und REALITÄT.
Meiner Meinung nach braucht es zur Überwindung von Überindividualisierung und Trivialisierung der Künste und ihrer damit verbundenen vielen Sackgassen (oder Moden oder künstlich hervorgebrachten Verkäuflichkeiten…) eine undogmatische, dennoch stringente metaphysisch gegründete Kunstphilosophie, die in einer umfassenden metaphysischen Naturphilosophie wurzelt, in der der Mensch in seine eigentliche Würde als metaphysisch-physisches Wesen (wieder oder/und erstmals ) in seine Rechte eintritt. Diese würde auch Orientierungsfragen sicherer klären, Fragen nach dem „Was“ und „Wozu“.
Die Frage nach dem „Wie“, also die Frage nach den Mitteln im Spektrum zwischen realitätsnaher Darstellung und (zunehmender) Abstraktion bzw. den vielen Mischformen, wird dann gelöster Beantwortung finden können, weil es vom Standpunkt der REALITÄT aus eben verschiedene Möglichkeiten der Darstellung gibt, die mehr oder weniger sinnvoll auszuschöpfen anheim gegeben sind.
John Constable kam auf den Gedanken, Malerei als einen Zweig der Naturphilosophie aufzufassen, also als Werkzeug zur Erforschung des Lebens allgemein – mit den Mitteln der Kunst.
Wenn es denn erforscht wird – und nicht zerstört und geplündert, mißbraucht und geschändet – dann ist das eben auch nur sinnvoll auf einer wohl begründeten Annahme von REALITÄT (oder Metaphysik). Ein Teil der Kunst hat sich leider – zu allen Zeiten – gemein gemacht mit den destruktiven Tendenzen in der Welt, mit dem Leugnen der REALITÄT, war Diener und Transporteur irriger Vorstellungen vom „Weltenbau“ und vom Sinn des Daseins generell. Natürlich auch aus ganz „irdischen Gründen“.
Stärken wir den Teil der/unserer Kunst, der in Resonanz mit der kosmischen Ordnung des Lebens das wahre Wesen des Menschen schützt, behütet, fördert, fordert, inspiriert – und gegebenenfalls feiert.
Vielen Dank für Ihren Vortrag – und natürlich viel Erfolg bei Ihrer Arbeit
Herzliche Grüße von U. F. aus Bad Reichenhall
P.S. Man kann das auch einfacher sagen, ohne Zweifel, z.B.:
Kunst dient dem Ausdruck der Seele(n) und ihrer Entwicklung – durch die konkrete Persönlichkeit.